Keine offene Gesellschaft

Ai Wei Wei hat im Interview bei der Welt behauptet, dass Deutschland keine offene Gesellschaft sei. Im ersten Moment habe ich bei mir eine Abwehrhaltung dagegen gespürt, aber nach längerem Nachdenken und Gespräch mit meiner Frau zur Zustimmung zu seiner Position gefunden.

Selbst in Berlin, das sich immer gern als multikuturell und offen vermarktet, stößt man häufiger an Grenzen, Einschränkungen, Vorurteile, Vorbehalte und Ablehnung als man denkt. Die deutsche Kultur verwahrt sich viel häufiger gegen abweichende Ideen und Argumente als man denkt aus einem unvertretbaren Überlegenheitsgefühl. Das zeigt sich auch direkt im behördlichen Umgang mit Ausländern, der nichts mit einer Willkommenskultur zu tun hat. Wenn man den Blick nach außerhalb von Berlin lenkt, tritt das sogar noch deutlicher und hässlicher hervor, auch im persönlichen Kontakt.

Dies hat auch Auswirkungen auf den Umgang von Deutschland mit europäischen und anderen Partnern, die durchaus andere legitime Positionen haben und häufig nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Mal einen Schritt zurücktreten von der eigenen Meinung kann hier echt weiterhelfen bei der Überwindung von scheinbar unberührbaren Standpunkten, die in Zeiten globaler Herausforderungen schnell zu Anachronismen werden.