Keine offene Gesellschaft

Ai Wei Wei hat im Interview bei der Welt behauptet, dass Deutschland keine offene Gesellschaft sei. Im ersten Moment habe ich bei mir eine Abwehrhaltung dagegen gespürt, aber nach längerem Nachdenken und Gespräch mit meiner Frau zur Zustimmung zu seiner Position gefunden.

Selbst in Berlin, das sich immer gern als multikuturell und offen vermarktet, stößt man häufiger an Grenzen, Einschränkungen, Vorurteile, Vorbehalte und Ablehnung als man denkt. Die deutsche Kultur verwahrt sich viel häufiger gegen abweichende Ideen und Argumente als man denkt aus einem unvertretbaren Überlegenheitsgefühl. Das zeigt sich auch direkt im behördlichen Umgang mit Ausländern, der nichts mit einer Willkommenskultur zu tun hat. Wenn man den Blick nach außerhalb von Berlin lenkt, tritt das sogar noch deutlicher und hässlicher hervor, auch im persönlichen Kontakt.

Dies hat auch Auswirkungen auf den Umgang von Deutschland mit europäischen und anderen Partnern, die durchaus andere legitime Positionen haben und häufig nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Mal einen Schritt zurücktreten von der eigenen Meinung kann hier echt weiterhelfen bei der Überwindung von scheinbar unberührbaren Standpunkten, die in Zeiten globaler Herausforderungen schnell zu Anachronismen werden.

Zitate zum Tee

Jetzt wo gerade Asiaten wegen der IFA sehr präsent in Berlin sind und China für eine neue Seidenstraße mehr als eine Billion US-Dollar in die Hand nimmt und zunehmenden Einfluss in Afrika gewinnt, ein paar Worte zum Innehalten. Hier als Kontrapunkt zur Beschleunigung, Selbstausbeutung und Selbstoptimierung  zwei teeverbundene Zitate mit dem Tenor der Rückkehr zur Einfachheit, dem japanischen Konzept des Wabi-Sabi folgend.

Slowly I realised everything returns to your heart, a natural and simple life is still the happiest. For tea it is the same. At the beginning I was pursuing all kinds of tea, perfect texture of infusions, aromatic fragrance, elegant colors and so on. Now, I just gently want a simple cup of tea, that’s all!

von der Seite Medium:Tee

Hier ein Text über eine der berühmtesten Teeschalen in Japan aus koreanischer Herstellung mit einer wechselvollen Geschichte.

“Kizaemon” Koreanische Ido-Schale / frühe Yi Dynastie (15. Jh.) aus dem Besitz der Matsudaira-Familie, jetzt im Kohô-an Subtempel des Daitokuji in Kyôtô

Als ich sie sah, stockte mir das Herz: eine gute Teeschale, ja, aber wie gewöhnlich! So einfach, dass man sich einen gewöhnlicheren Gegenstand nicht vorstellen kann. Sie trägt nicht die Spur einer Verzierung, nicht die Spur eines Gestaltungswillens. Sie ist nicht mehr als eine koreanische Essensschale, eine Schale überdies, die ein armer Mensch jeden Tag benutzen würde – alltäglichste Töpferware. (…) Der Ton wurde am Hügel hinter dem Haus gestochen, die Glasur wurde mit der Herdasche gemacht, die Töpferscheibe war unregelmäßig. Hinter der Form steckt kein besonderer Einfall: Sie war eine von vielen. Die Arbeit wurde rasch ausgeführt, das Abdrehen geschah grob und mit schmutzigen Händen, das Drehen erfolgte nachlässig, die Glasur war über den Fuß gelaufen. Der Raum, in dem die Drehscheibe stand, war dunkel. Der an der Drehscheibe saß, konnte nicht lesen. Beim Brennofen handelte es sich um eine jämmerliche Angelegenheit, das Brennen wurde ohne jede Sorgfalt durchgeführt. Am Gefäß klebte Sand, aber das kümmerte niemanden; keiner legte irgendwelche Träume in dieses Ding. Bei seinem Anblick könnte ein Töpfer seinen Beruf aufgeben. (…)

Aber so muss sie auch sein. Das Einfache und Unaufgeregte, das Ungeplante, das Unverfängliche, das Direkte, das Natürliche, das Unschuldige, das Demutsvolle, das Bescheidene: worin, wenn nicht in diesen Eigenschaften, besteht Schönheit? Das Sanfte, Schmucklose, Ungekünstelte – das sind die natürlichen Charakteristika, die die Zuneigung und die Achtung des Menschen verdienen. (…) Inwiefern sollte eine so vollkommen gewöhnliche Schale so schön sein? Die Schönheit ist eine unausbleibliche Folge gerade dieser Gewöhnlichkeit. (…) Keine Teeschale übertrifft die(se) Ido-Schale an Schönheit. (…)

Die Teemeister erklärten, die koreanischen Schalen seien die Besten. Das ist ein ehrliches Eingeständnis. Warum, so fragte man sich, sind sie den japanischen Schalen überlegen? Die Antwort lautet: Die japanischen Töpfer waren bestrebt, gute Gefäße in Übereinstimmung mit anerkannten Standards oder Regeln herzustellen. Es ist aber falsch, wenn die beiden Perspektiven, unter denen Töpferware zu betrachten ist, die des Herstellers und die des Benutzers, durcheinandergebracht werden. Die Produktion wurde durch die Wertschätzung verdorben – japanische Schalen tragen den Makel des Bewusstseins. Raku Chojiro, Hon’ami Koetsu und andere individuelle Töpfer leiden alle mehr oder weniger unter derselben Krankheit. Es ist vollkommen in Ordnung, die Unregelmäßigkeiten in der Form der Ido-Schalen reizvoll zu finden, aber wenn man Gefäße mit absichtlichen Verformungen herstellt, geht dieser Reiz sofort verloren. Wenn die Glasur an einem Gefäß während des Brennvorgangs springt, ist das natürlich, es kann sich schließlich sogar als Segen erweisen; aber es ist etwas völlig anderes, wenn es aufgrund der irrigen Annahme, man befolge damit die Regeln der Teemeister, absichtlich herbeigeführt wird. Der Fußring einer Ido-Schale ist außergewöhnlich schön, aber es ist geradezu fatal, wenn man seine zufällig entstandenen Regelmäßigkeiten nachbilden will – die Schönheit geht dabei verloren.
All diese gewollten Entstellungen sind vor allem bei japanischen Schalen anzutreffen. Sie weisen eine ganz spezielle Art der Hässlichkeit auf, die beim Streben nach einer falsch verstandenen Schönheit entsteht. Es gibt auf der Welt nur wenig Vergleichbares. Die Ironie dabei ist, dass die japanischen Teemeister, die ein tieferes Verständnis für Schönheit hatten als irgend jemand sonst, zur Fortdauer dieses Missstandes beigetragen haben und noch immer beitragen. Es gibt kaum eine mit dem Raku-Stempel versehene Schale, die nicht hässlich wäre. Das läßt sich hingegen von keiner einzigen Ido-Schale sagen. Die Kizaemon-O-Ido-Schale ist die Antithese und Herausforderung von Raku.

(Soetsu Yanagi, Die Schönheit der einfachen Dinge, 1931)

von der Seite “Pott un Piepe”, der Homepage von Stefan Kummer

Berliner Blau / Azul berlim

In dieser Dämmerung
Mit einem Blau
Das auf die Knie zwingt
Wie alles unter seiner Farbe liegt
Und nicht entrinnen kann
Größe erst vergibt
Wortlos herrscht besieht
Leises Lächeln tasten
Wie sich
Für den Himmel
Sein anfühlt

 

Nesse crepúsculo
com um azul
que traz-lhe sobre os joelhos
de como tudo é mentira sob sua cor
sem fuga
concedendo a toda amplitude
poucas palavras contemplando regras
tocando um sorriso silencioso
a maneira como se sente
para o céu
ser

 

GG + AKN 5.4.15

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke
Quelle: Wikipedia